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Partnerschaftsprojekt

Kolumbien - Ein Land voller Gegensätze

Besuch von Convivamos, die sich in Medellin für die Rechte von Frauen und Mädchen einsetzen (Foto: Issel)

Frauenrechte, Menschenrechte, Arbeitsrechte
Bericht von der Delegationsreise nach Kolumbien


„Es ist etwas anderes, ein Land mit eigenen Augen zu sehen, mit den Frauen direkt zu sprechen, ihre Lebensberichte zu hören, als davon zu lesen“, so Judith Everding vom Diözesanleitungsteam der kfd in Münster. Sie ergänzt: „Die große Offenheit mit der uns die kolumbianischen Frauen begegneten und von sich erzählten, hat mich sehr bewegt.“
Immer wieder hören die kfd-Frauen aus Münster Geschichten von gewaltsamer Vertreibung, Ermordung von Familienangehörigen, Schlägen und Misshandlungen in der Familie.

Nachhaltig in Erinnerung bleiben jedoch auch Geschichten von Solidarität und Gemeinschaft in Frauengruppen. Die kolumbianischen Frauen betonen, wie wichtig die gegenseitige Unterstützung durch die anderen Frauen ist. „Durch die Teilnahme an der Gruppe bin ich selbstbewusster geworden, habe mehr über meine Rechte erfahren und schließlich den Mut gefunden, mich von meinem gewalttätigen Mann zu trennen“, erzählt Maria C., Mutter von fünf Kindern.

Kontakt und Austausch mit Frauen- und Menschenrechtsorganisationen in Kolumbien waren das Ziel, mit dem eine achtköpfige Delegation 14 Tage durch Kolumbien reiste.
Zwischen dem kfd-Diözesanverband Münster e. V. und „Trabajo y Acción“ aus Manablanca, nahe Bogotá, besteht seit sechs Jahren eine Partnerschaft.

In Manablanca arbeitet die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in der Blumenindustrie. Viele der Beschäftigten sind allein erziehende Mütter, nur wenige kennen ihre Rechte, die meisten sind nicht lange zur Schule gegangen. Hier setzt  „Trabajo y Acción“ an, sorgt für Aufklärung und Information und unterstützt die Menschen in ihrem harten Alltag.

Die beiden Schwestern Luz und Laura R., bei „Trabajo y Acción“ engagiert, kennen die Sorgen und Nöte der Blumenarbeiterinnen aus eigener Erfahrung: „Wir haben auf verschiedenen Blumenfarmen gearbeitet. Viele Unternehmen verletzen die Menschen- und Arbeitsrechte. Sie zahlen Hungerlöhne, die Arbeiterinnen haben keine festen Verträge und sind ohne Schutzkleidung den Pestiziden ausgesetzt, Überstunden werden nicht bezahlt, Pausen nicht eingehalten. Wer aufmuckt, fliegt raus.“

Die Blumenfarmen gewähren nicht gerne Einblick, hohe Zäune schirmen sie nach außen ab, Besuchsgruppen sind unerwünscht. Dass es auch anders geht, zeigt der Besuch bei „Flores del Tenjo“, einem Unternehmen, das sich nach den Regeln des fairen Handels hat zertifizieren lassen: Hier erhalten die ca. 300 Beschäftigten ein Drittel mehr als den Mindestlohn, alle haben feste Arbeitsverträge, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist so gering wie möglich, ökologische Alternativen werden im eigenen Labor erforscht, Schutzkleidung ist eine Selbstverständlichkeit und es gibt Sozialprogramme für die Arbeiterinnen.

„Wir sind davon überzeugt, dass zufriedene Beschäftigte, die sich mit dem Betrieb identifizieren, auch produktiver arbeiten,“ erläutert Geschäftsführerin Carolina Estrada die Unternehmensphilosophie von „Flores del Tenjo“. Eine Denkweise, die bei kolumbianischen Unternehmern eher selten ist.

Die kfd-Frauen aus dem Bistum Münster begegnen in Kolumbien vielen Frauen und Männern, die sich mit hohem Engagement für Menschen- und Arbeitsrechtsrechte einsetzen und dabei große Gefahren in Kauf nehmen. „Soziale Organisationen, Menschenrechtsgruppen und besonders die Gewerkschaften werden immer wieder bedroht und verfolgt.

Seit Beginn der 90er Jahre wurden fast 3000 Gewerkschafter ermordet“, so die Information  des Menschenrechtsbeauftragten von Misereor, Stefan Ofteringer.

Luz und Laura empfehlen den kfd-Frauen zum Abschied: „Im Bereich der Blumenproduktion könnt ihr unseren Kampf zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen dadurch unterstützen, dass ihr in Deutschland mehr Blumen aus fairer Produktion kauft“.

Blumen aus fairer Produktion sind in Deutschland mit den Siegeln vom Flower Label Program (FLP) und von Transfair zu erhalten.


Weitere Informationen unter:
www.fairflowers.de oder www.transfair.org.

kfd-Reisegruppe mit kolumbianischer Begleitung vor der vorbildlich geführten Blumenfarm "Flores del Tenjo" (Foto: Issel)

Ein Tag im Leben einer Blumenarbeiterin

 

Morgens um 6.00 Uhr geht die Sonne auf, abends um 18.00 Uhr geht sie wieder unter. So ist es das ganze Jahr über in Kolumbien. Mit dem Tageslicht beginnt die Arbeit im Blumenanbau.

Die Blumenarbeiterin Carmen R. steht bereits um 4.00 Uhr morgens auf, kocht Kaffee, bereitet eine Kleinigkeit zum Frühstück vor und weckt ihre drei Kinder. Waschen, anziehen, kurzes Frühstück, danach bringt sie die Kinder zur Nachbarin, die für ein wenig Geld tagsüber auf die Kinder aufpasst.

Der Weg zu ihrem Arbeitsplatz in der Blumenplantage dauert eine halbe Stunde. Kurz vor 6.00 Uhr ist Carmen angekommen und zieht sich die abgewetzte Arbeitskleidung über den Pullover. Noch ist es bitter kalt. Carmen schneidet langstielige Rosen, deren Knospen sich gerade öffnen. Zwischen 700 und 1000 Rosen schneidet eine Blumenarbeiterin im Durchschnitt in der Stunde, also 10 bis 16 Stiele pro Minute. Irgendwann gibt es dann für 10 Minuten eine Frühstückspause. Carmen hetzt zum „Comedor“ und zieht sich auf dem Weg den Pullover aus. Mittlerweile ist es warm geworden. Zwischen 20 und 25 Grad wird es tagsüber in der Hochebene von Bogotà. Ein Schluck Kaffee aus der Thermoskanne, zwei Bissen von einem süßen Brötchen. Weiter geht es mit der Arbeit: 700 bis 1000 Rosen pro Stunde. Die Mittagespause beginnt heute um 11.30 Uhr, eine halbe Stunde darf sie sich hierbei ausruhen und das mitgebrachte Essen verspeisen. Weiter werden Rosen geschnitten bis 15.00 Uhr, dann ist normalerweise Feierabend. Die Wochenarbeitszeit beträgt in Kolumbien 48 Stunden.

In der Blumenindustrie fallen Überstunden an, manchmal bis 18.00 Uhr, bis die Sonne wieder untergeht. Offiziell sollen die Überstunden bezahlt werden, deshalb schneidet Carmen freiwillig weiter, um das geringe Gehalt aufzubessern. In vielen Fällen „vergisst“ die Firma jedoch beim Lohn die Überstunden …